Liebes Rom,
da sitze ich im
Mondenschein, umgeben von Grillenzirpen, Sternenfunkeln, eine Katze
jault und ein Hund antwortet, es ist mild. Der letzte Monat. Nachdem ich die
letzten Wochen nichts dringlicheres wollte, als einfach wieder in bekannte Gefilde zurückzukehren, wird mir nun deutlich, wie sehr ich dich liebe.
Es ist eine Hassliebe. Die Liste der Dinge die ich vermissen werde
ist lange, ebenso die in der steht, warum ich nicht bei dir mein
Leben lang bleiben möchte. Was werde ich ohne die Möwen, Zikaden,
dem Geruchsgemisch aus Café, Zigaretten, Parfüm und Pinien oder der
chaotischen Eleganz des Straßenverkehrs tun? Aber wie soll ich hier
leben ohne „richtige“ Natur, Vollkornbrot und Menschen, die ich
gern habe? Ein Jahr ist eine lange Zeit – eigentlich. Wenn man fünf
ist. Aber jetzt, mit Anfang Zwanzig fängt das Leben an zu rasen als
würde es verfolgt werden – oder ist es selbst der Verfolger?
Zu viele Fragezeichen.
Rom, meine Liebe hast du immer. Auch wenn ich nicht immer Erwiderung
spüre. Für dich bin ich nur ein winziger Wimpernschlag in deinem
ewigen Bestehen. Menschen kommen und gehen in Scharen. Manche nehmen
dich wahr, andere trampeln eilig über dich hinweg auf der Suche nach
der nächsten Sehenswürdigkeit – oder McDonalds. Ich bin kein
Kenner und auch keine Römerin. Ich habe dich oft ignoriert in meiner
Faulheit, im Überdruss und im Heimweh. Ich denke, ich werde mich
diesen letzten Monat noch einmal in deine Arme stürzen und dich
versuchen wahrzunehmen. Ich werde auch sicherlich irgendwann wiederkommen und du
wirst mich nicht wiedererkennen. Aber das ist in Ordnung, denn ich
werde dich wiedererkennen. Und dann werde ich in unseren Erinnerungen
schwelgen und erzählen, während du schweigend neben mir herschlenderst und andere Menschen flüchtig umarmst und mit einem
Küsschen links und rechts weiter ziehen lässt.
Du ewige Stadt, hab dank, denn unsere flüchtige Umarmung war ein Freude, ein Herzklopfen, ein kleines Abenteuer.




